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Interview: Selbstständig in der Arbeitsmedizin – passt das zu mir?

Im Interview spricht Adrian Hörtl offen über typische Unsicherheiten, häufige Denkfehler und darüber, warum auch eine bewusste Entscheidung gegen die Selbstständigkeit ein Gewinn sein kann. Anschließend haben wir mit Finja Pfundner, der Trainerin von Teil 1 der Fortbildungsreihe „Selbstständig in der Arbeitsmedizin – Welcher Weg ist der richtige für mich?“, darüber gesprochen, was der Schritt in die Selbstständigkeit für die Praxis bedeutet.

1. Frage:
Herr Hörtl, Sie begleiten Arbeitsmediziner:innen und arbeitsmedizinische Fachdienst bei der beruflichen Orientierung.

Was beobachten Sie aktuell: Warum wird das Thema Selbstständigkeit gerade jetzt so relevant?

Ich denke nicht, dass die Frage in letzter Zeit an Relevanz zugenommen hat. In den vergangenen 25 Jahren haben sich Absolvent:inenn diese Frage immer gestellt. Was sich möglicherweise verändert hat, sind die Gründe. Heute ist die Überlegung bei einem Berufswechsel, also z.B. aus der kurativen Medizin herauszugehen, auch gleich das Beschäftigungsverhältnis zu ändern – weil man es kann. Soll heißen, der Bedarf an Arbeitsmediziner:innen ist groß. Meist spielt die Annahme eine Rolle, dass damit auch mehr Geld zu verdienen sein könnte.

2. Frage:
Viele Berufsanfänger:innen spüren Interesse an der Selbstständigkeit – gleichzeitig aber auch Zweifel.

Welche inneren Konflikte begegnen Ihnen dabei am häufigsten?

Sehr häufig höre ich Sätze wie: „Ich finde die Idee spannend, aber ich weiß nicht, ob dass das Richtige für mich ist.“
Es geht weniger um fachliche Zweifel – die meisten sind gut ausgebildet – sondern um Unsicherheiten in Bezug auf Verantwortung, wirtschaftliche Risiken, Aufwand und Vereinbarkeit mit dem Privatleben. Diese Ambivalenz ist völlig normal und ein wichtiger Ausgangspunkt für eine ehrliche Auseinandersetzung.

3. Frage:
Woran merken viele erst im Verlauf, dass sie sich bisher auf die falschen Fragen konzentriert haben?

Viele fokussieren sich sehr früh auf Fragen wie: „Wie viel kann ich verdienen?“ oder „Welche Rechtsform brauche ich?“
Im Gespräch wird dann deutlich, dass es an weiteren entscheidenden Fragen fehlt:
Wie und wieviel möchte ich arbeiten? Wie viel Sicherheit brauche ich? Welche Rolle will ich beruflich einnehmen? Was passt in meine derzeitige Lebenssituation? Also, kann ich das alles unter einen Hut bekommen? Dass es oft an diesen Fragen fehlt, ist auch an den Fluktuationen in der Arbeitsmedizin ablesbar. 
Diese Klarheit fehlt oft – und genau hier setzen wir an. Wer sich vorab gut informiert, trifft auch die richtigen Entscheidungen.

4. Frage:
Frau Pfundner, Sie begleiten als Trainerin die Teilnehmer:innen in Teil 1 „Mut zur Selbstständigkeit – Ausrichtung für den unternehmerischen Weg“.

Wie unterstützen Sie die Teilnehmer:innen dabei, Klarheit über ihre eigenen Stärken, Beweggründe und nächsten Schritte zu gewinnen – auch wenn sie vielleicht feststellen, dass Selbstständigkeit nicht der richtige Weg für sie ist?

In Teil 1 starten wir mit einer Übung zur Stärkenspekulation: Die Teilnehmer:innen reflektieren ihre besonderen Kompetenzen und entwickeln daraus ihren persönlichen USP für die Selbstständigkeit – oder genauer gesagt ihren „roten Faden“ für den nächsten Karriereschritt.

Anschließend visualisieren sie ihre guten Gründe für die Selbstständigkeit: Was motiviert mich wirklich, welche Werte sind mir wichtig und welche Visionen habe ich für meine berufliche Zukunft?

Auf dieser Basis erarbeiten die Teilnehmer:innen erste realistische Schritte in Richtung Selbstständigkeit – kleine, greifbare Maßnahmen, die Sicherheit im Übergang geben.

Und ganz wichtig: Auch wenn jemand nach Teil 1 für sich feststellt, dass Selbstständigkeit aktuell nicht passt, ist der Gewinn enorm.

5. Frage:
Was gewinnen Teilnehmende nach Teil 1 – selbst dann, wenn sie sich gegen die Selbstständigkeit entscheiden?

Sie gewinnen Klarheit.
Sie haben ihre Stärken, Werte und Prioritäten klar erkannt und können diese Erkenntnisse gezielt für angestellte Tätigkeiten oder andere Karrierewege nutzen. Teil 1 sorgt also dafür, dass jede:r eine fundierte, persönliche Entscheidung treffen kann – unabhängig vom Ergebnis.

Neugierig geworden?
Teil 1 der Fortbildungsreihe „Selbstständig in der Arbeitsmedizin – Welcher Weg ist der richtige für mich?“ unterstützt Sie dabei, Ihre persönliche Ausrichtung zu klären – als fundierte Grundlage für Ihre nächsten Schritte.

Jetzt anmelden:

https://www.aamp.at/ausbildungen-fortbildungen/fortbildungsseminare/selbststaendig-in-der-arbeitsmedizin

Das Interview führte Sally Bitterl (AAMP), Jänner 2026

Mobbing am Arbeitsplatz: Früherkennung und Handlungsmöglichkeiten

Laut Mobbing-Report 2024 gaben in Deutschland etwa 6,5 % der Beschäftigten an, regelmäßig gemobbt zu werden.
(Der Mobbing-Report 2024 liefert weitere Zahlen und detaillierte Analysen zur Prävalenz und zu Risikofaktoren. Die BAuA wird die notwendigen Zahlen zu Mobbing weiterhin erheben und regelmäßig berichten.).

Mobbing zeichnet sich durch wiederholte, systematische Schikanen über mindestens sechs Monate aus und kann breite gesundheitliche Einschränkungen verursachen. Arbeitsmediziner:innen und Arbeitsmedizinische Fachdienst sollten dabei besonders auf wiederkehrende psychosomatische Symptome achten, z. B.:

  • Schlafstörungen
  • Magen-/Darmprobleme
  • Kopfschmerzen
  • Nervosität
  • Stressbedingte Erkrankungen

Früherkennung ist entscheidend, da Mobbing nicht nur die betroffenen Mitarbeitenden belastet, sondern auch die Leistungsfähigkeit und Stabilität des Unternehmens gefährdet. Schon geringe, wiederholte Schikanen können zu gesundheitlichen Einschränkungen, Ausfällen und hoher Belastung im Team führen.

„Im Ergebnis des Mobbinggeschehens verliert das mobbende Unternehmen fast immer gesunde, langjährig beschäftigte, sozial wie fachlich kompetente Mitarbeitende.“ (Aus den qualitativen Interviews mit Expert:innen)

Neben den direkten gesundheitlichen Folgen für Betroffene entstehen für Unternehmen weitere Belastungen, darunter Fluktuation, erhöhter Schulungsaufwand, Produktivitätseinbußen und zusätzlicher organisatorischer Aufwand.

Früherkennung – worauf achten?

Für die Früherkennung ist es entscheidend, auf Veränderungen bei der betroffenen Person, im Team und in der Organisationsstruktur zu achten:

  • Person: Rückzug, weniger Beteiligung, Unsicherheit, erhöhte Fehlerangst, häufige Krankmeldungen
  • Team: Eine Person wird systematisch ausgeschlossen, unterbrochen oder lächerlich gemacht; Beiträge werden übergangen, Ideen übernommen; Gespräche verstummen, wenn die Person dazukommt
  • Struktur: Aufgabenentzug oder Überlastung, unklare oder wechselnde Erwartungen, Ausschluss aus Meetings oder Informationen

In manchen Fällen werden echte Sachzwänge vorgeschoben, um Mobbing oder unfaire Behandlung zu rechtfertigen. Wenn die Begründung für belastendes Verhalten ständig wiederkehrt, aber nicht für alle gilt, ist Vorsicht geboten.

Neben den direkten Anzeichen und Symptomen lohnt es sich, auch die organisatorischen und sozialen Bedingungen zu berücksichtigen, die Mobbing begünstigen können. Risikofaktoren sind z. B.: unklare Rollen, hohe Leistungsanforderungen, konfliktfördernde Führungsstile und geringe soziale Unterstützung im Team.

Handlungsmöglichkeiten

Sobald Risiken und Warnsignale erkannt werden, stellt sich die Frage, wie gezielt interveniert werden kann. Arbeitsmediziner:innen und Arbeitsmedizinische Fachdienst tragen eine Schlüsselrolle bei der Prävention:

  • Früherkennung & Screening: Auf Symptome achten, Belastungen gezielt ansprechen („Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Team?“), wiederkehrende Muster erkennen
  • Beratung & Orientierung: Mobbing als psychosoziale Belastung erklären, Frühintervention empfehlen (interne Gespräche, Moderation, externe Mediation)
  • Schulungen: Arbeitsmediziner:innen können Teams zu Zivilcourage und respektvoller Kommunikation sensibilisieren. Praktische Beispiele für Kolleg:innen:
    • Unterbrechen: „Lass uns sachlich bleiben.“
    • Einbeziehen: „Was meinst du dazu?“
    • Nachfragen unter vier Augen: „Ich habe gemerkt, dass du oft übergangen wirst – stimmt das für dich?"
    • Begleiten zu Anlaufstellen bei Bedarf

Arbeitsmediziner:innen und Arbeitsmedizinische Fachdienst erkennen Mobbing früh, intervenieren sachlich und initiieren gezielte Präventionsmaßnahmen. Der Mobbing-Report 2024 liefert hierzu wertvolle Zahlen, Hinweise auf Risikofaktoren und systematische Ansätze für Prävention auf allen Ebenen. Eine vertiefte Auseinandersetzung mit dem Bericht kann dabei helfen, die Gesundheit der Mitarbeitenden zu schützen und organisatorische Schäden zu vermeiden.

Dr. Sally Bitterl (AAMP), Jänner 2026

Quelle: Bundesministerium für Arbeit und Soziales (2025). Mobbing in der Arbeitswelt Bedeutung, Verbreitung und Prävention (Mobbing-Report 2024). 

Wechseljahre im Berufsleben: Warum Unternehmen jetzt handeln müssen

In Österreich befinden sich rund eine Million Frauen in den Wechseljahren, davon etwa 700.000 im Erwerbsleben. Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafprobleme, Erschöpfung oder Konzentrationsschwierigkeiten beeinflussen die Leistungsfähigkeit spürbar – werden in vielen Betrieben aber kaum berücksichtigt. Die Folgen reichen von reduzierten Arbeitsstunden über Jobwechsel bis hin zu vorzeitigem Pensionsantritt und betreffen damit auch Arbeitsmarkt und Volkswirtschaft.

Die zwei arbeitsmedizinische Fachdienste (AFa), Tamara Gößler, MSc und Sonja Kornfehl, widmeten sich diesem Thema in ihren Abschlussarbeiten. Ihre systematischen Literaturrecherchen zeigen klar: Wechseljahresbeschwerden wirken sich deutlich auf das Berufsleben aus, können aber durch gezielte Maßnahmen abgefedert werden.

Die recherchierten Studien belegen, dass viele Frauen in dieser Lebensphase unter Schlafmangel, Hitzewallungen, Erschöpfung, Stimmungsschwankungen oder kognitiven Einschränkungen leiden. Diese Symptome führen häufig zu erhöhtem Stress, geringerer Belastbarkeit und beruflichen Entscheidungen zu Ungunsten der Betroffenen – etwa dem Ablehnen von Entwicklungsmöglichkeiten oder einem früheren Pensionsantritt.

Gleichzeitig wird deutlich: Unterstützung wirkt. Wechseljahressensible Arbeitsplätze fördern Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit und helfen Unternehmen, wertvolles Fachkräftepotenzial zu sichern. Wirksame Maßnahmen sind unter anderem:

  • Flexible Arbeitsmodelle, etwa Homeoffice oder angepasste Arbeitszeiten.
  • Optimierte Arbeitsumgebungen, z. B. bessere Temperaturregulierung, Rückzugsräume oder geeignete Kleidungsvorgaben.
  • Gezielte Gesundheitsförderung, von Bewegung über Ernährung bis zu medizinischer Beratung.
  • Eine offene Gesprächskultur, die das Thema enttabuisiert und Betroffenen Austausch ermöglicht.

Für die Umsetzung empfehlen Expert:innen ein strukturiertes Vorgehen, etwa nach dem MenoMAPP-Modell oder dem PDCA-Zyklus, inklusive Bedarfserhebung, Analyse, Maßnahmenentwicklung und regelmäßiger Evaluation.

Zentrale Erkenntnis: Wechseljahressensible Arbeitsbedingungen sind kein „Nice-to-have“, sondern entscheidend für Gesundheit, Motivation, Leistungsfähigkeit und Bindung von Mitarbeiterinnen – und damit für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen.

Dr. Sally Bitterl (AAMP), Dezember 2025

Quellen: 
Gößler, T. (2025). Wechseljahre am Arbeitsplatz - Herausforderungen und potenzielle Handlungsfelder. Projektarbeit im Rahmen des Universitätslehrgangs Arbeitsmedizinischer Fachdienst (AFa), Medizinische Universität Wien/Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention.
Kornfehl, S. (2025). Tabuthema – Wechseljahre am Arbeitsplatz. Projektarbeit im Rahmen des Universitätslehrgangs Arbeitsmedizinischer Fachdienst (AFa), Medizinische Universität Wien/Österreichische Akademie für Arbeitsmedizin und Prävention.

 

Früherkennung ab 45: Neues Screening-Modell aus Deutschland als Vorbild für Österreich?

Viele Beschäftigte geraten erst spät in den Fokus der arbeitsmedizinischen Versorgung – genau hier setzt der Ü45-Check an: ein kompaktes Screening-Instrument, das gefährdete Arbeitsfähigkeit frühzeitig erkennt. Der Anlass für die eigens für den Ü45-Check entwickelten Befragungsinstruments (Ü45-Screening) war ein zentrales Versorgungsproblem: Ein großer Anteil der Menschen, die zum ersten Mal eine Erwerbsminderungsrente beziehen – rund 40 Prozent – hatte zuvor weder eine medizinische Rehabilitation noch andere Teilhabeleistungen in Anspruch genommen.

Diese verpasste Chance auf Stabilisierung oder Wiederherstellung der Arbeitsfähigkeit hat erhebliche Nebenfolgen.
Für Betroffene bedeutet sie häufig zunehmende gesundheitliche Einschränkungen, chronifizierte Beschwerden und eine sinkende Lebensqualität. Gleichzeitig entstehen für Arbeitgeber Produktivitätsverluste, zusätzliche Fluktuations- und Einarbeitungskosten sowie Belastungen für Teams, die Ausfälle kompensieren müssen. Insgesamt verstärkt sich so ein Kreislauf aus Überlastung, Stress und Burn-out, der das gesamte Arbeitsumfeld beeinträchtigen kann.

Gerade für Österreich ist ein solch frühzeitiger, strukturierter Zugang relevant – nicht zuletzt angesichts steigender Erwerbstätigkeit im Alter, eines höheren Pensionsantrittsalters und eines zunehmenden Arbeitskräftemangels. Ein vergleichbares Verfahren könnte mehrere Vorteile bieten:

  • einen einheitlichen, validierten Kurzcheck zur Erfassung gesundheitlicher Beeinträchtigungen im Erwerbsleben,
  • ein Instrument, das sowohl in der Arbeitsmedizin (Einstellungs- und Vorsorgeuntersuchungen, BEM-ähnliche Verfahren) als auch in der hausärztlichen Primärversorgung eingesetzt werden kann,
  • eine verbindende Schnittstelle zwischen Arbeitsmedizin, fit2work, Pensionsversicherungsanstalt (PVA) und betrieblicher Gesundheitsförderung (BGF/BGM),
  • und ein Werkzeug, das den Zugang zu medizinischer und beruflicher Rehabilitation deutlich früher ermöglicht.

Der Bedarf an einem solchen Ansatz zeigt sich auch daran, dass viele bestehende Assessments entweder zu umfangreich sind oder nur einzelne Bereiche abdecken – etwa der Work Ability Index, der IMET oder der Patient Health Questionnaire. Diese Lücke war der Ausgangspunkt für die Entwicklung des kompakten „Ü45-Screenings“, das die DRV gemeinsam mit der Charité konzipierte.

Das Instrument umfasst 19 Items in fünf Dimensionen:

  • Erwerbsfähigkeit
  • Psychische Befindlichkeit (PHQ-4)
  • Funktionsfähigkeit
  • Bewältigungsverhalten
  • Sport und Bewegung

Auf Basis der individuellen Angaben zu diesen Fragen leitet ein Algorithmus konkrete Handlungsempfehlungen ab:
Reha-Bedarf, Präventionsbedarf, DRV-Prävention (RV Fit) oder kein unmittelbarer Bedarf.

Eine noch kürzere Version des Screenings (7 Fragen) ist als Selbsttest öffentlich zugänglich unter: https://www.deutsche-rentenversicherung.de/DRV/DE/Praevention/ue45_check/ue45-check.html

Dr. Sally Bitterl (AAMP), November 2025

Quelle: Brünger, M., & Bernert, S.: Validierung eines Screenings zur Identifikation von Präventions-und Rehabilitationsbedarf bei über 45-Jährigen (Ü45-Screening). ASU Arbeitsmed Sozialmed Umweltmed 2025; 60: 676–683. https://www.asu-arbeitsmedizin.com/wissenschaft/validierung-eines-screenings-zur-identifikation-von-praeventions-und [Zugriff: 17.11.2025]